Kopenhagen: Polizei stürmt Kirche und beendet Kirchenasyl
Wie die Tageszeitung am 14. 08.09 berichtete drangen fünfzig Polizeibeamte in Kampfausrüstung, mit Schlagstöcken und Schilden kurz nach Mitternacht gewaltsam in die Brorsons-Kirche im Kopenhagener Stadtteil Nørrebro ein, um 35 irakische Asylsuchende festzunehmen, die sich dort versteckt hatten. Der Pfarrer der Gemeinde (Pfarrer Ramsland) sowie seine HelferInnen hatten vergeblich appelliert die Aktion abzubrechen. Lediglich konnte erreicht werden, dass “nur” die 17 (oder 18?) anwesenden Männer festgenommen wurden, die 13 Frauen und 5 Kindern durften sich freiwillig entfernen.
Von der Polizei waren Kirchentüren gewaltsam aufgebrochen worden. Mobiliar wurde zerstört. Ein Altartuch wurde zerrissen, sowie elektrische Installationen und die Orgel beschädigt. An diese Gegenstände hatten sich nach Aussage des Pfarrers Flüchtlinge in ihrer verzweiflung geklammert und waren von den Polizeibeamten weggerissen worden.
Das Bündnis „kirkeasyl“ versuchte noch in der Nacht die Räumung zu verhindern. Auch hier agierte die Polizei mit Schlagstöcken sehr agressiv gegen Personen in Sitzblockaden.
Am darauffolgenden Abend gab es mehrere große Demonstrationen in Dänemark mit 25 000 Teilnehmenden für die Flüchtlinge und gegen die erstmalige in der Geschichte Dänemarks erfolgte Räumung eines Kirchenasyls.
Pfarrer Ramsland hielt auf der Demonstration eine Rede, die ich in leicht gekürzter Form und ins Deutsche übersetzt auf indymedia gefunden habe und die im Folgenden wiedergegeben wird (das dänische Original befindet sich auf http://indymedia.de/articles/1215 und http://kirkeasyl.dk
):
„Der heutige Tag ist ein trauriger Tag.Donnerstag, den 13.August werde ich auf jeden Fall immer als ein unglaublich schrecklichen und schockierenden Tag in Erinnerung behalten. In meinen wildesten Phantasien hätte ich mir nicht träumen lassen, dass die OrdnungshüterInnen in eine Kirche eindringen würden, um hilflose AsylbewerberInnen mit Gewalt herauszuholen. Und ich hätte mir schon gar nicht vorstellen wollen, dass diese Aktion derartig brutal ablaufen würde.
Ich wurde um halb 2 nachts von PolizistInnen geweckt, die an meiner Tür klingelten und sagten, dass sie mich nur darüber in Kenntnis setzen wollten, dass sie gerade dabei waren eine kleine Aktion drüben in der Kirche durchzuführen.Eben um zu ob gucken, ob sich dort Personen befänden, die gesucht seien und wenn ja würden sie sie gleich verhaften.
Zu diesem Zeitpunkt waren sowohl die Kirche als auch meine Pastorenwohnung von der Polizei massiv umstellt worden und gleichzeitig waren ca.50 BeamtInnen in die Kirche eingedrungen. Der Einsatzleiter riet mir davon ab dort hinüber zu gehen,doch als später heftige Schreie vom Innern der Kirche zu hören waren, wurde ich doch stutzig und ging durch die Hintertür dort hinein. Fast wünschte ich mir, ich hätte es nicht getan, denn der Anblick der sich mir dort bot, hat sich mir so gewaltig ins Gedächtnis gebrannt, dass ich ihn niemals vergessen werde.
Die IrakerInnen hatten sich am Kirchenaltar versammelt und standen dort mit ihren Babys auf dem Arm (…)
Einer der Iraker war im Innern in den Kirchenturm geklettert und stand nun dort oben und drohte damit sich herunterzustürzen. Die Polizei war gerade dabei ein Falltuch vorzubereiten, welches den Mann auffangen sollte, falls er seine Drohung ernst machen würde.
Das für mich zuviel und ich musste nach Hause gehen. Den Rest der Nacht verfolgte ich die Strassenkämpfe von meinem Küchenfenster. Es war genauso erschütternd mitanzusehe, was ausserhalb der Kirche passierte, wo sich 2-300 AktivistInnen versammelt hatten, um gegen das Vorgehen der Polizei zu protestieren. Es war eine laute, aber ansonsten friedliche, anti-konfrontative Demonstration, doch die Polizei setzte sowohl Schlagstöcke als auch Pfefferspray ein, um die DemonstrantInnen zu halten-ich beobachtete wie mehrere junge Menschen einige Meter auf dem Asphalt geschleift wurden und ich habe selbst die Verletzungen auf dem Rücken einiger Mädchen gesehen, nachdem sie mit den Schlagstöcken in berührung gekommen waren.
Ich weiss sehr wohl, dass die Polizei behauptet ich lüge, wenn ich erzähle,dass dass BeamtInnen in Kampfausrüstung in der Kirche waren. Sie hätten hellblaue Hemden und Schlips getragen, behaupten sie. Das ist auch richtig, doch ich kenne kein Wort für PolizeibeamtInnen in hellblauen Hemden, Schlips und Helm mit runtergeklappten Visir und Schildern. Das ist anscheinend dann kein/e Beamte/r in Kampfmontur, doch ich hätte niemals gedacht, dass ich gepanzerte Schilde in der Kirche sehen würde.
Alle Männer wurden verhaftet und sitzen nun im Abschiebegefängnis in Ellebæk beim Flüchtlingslager Sandholm. Alle Frauen und Kinder wurden anscheinend aufgefordert zu gehen, bevor die Männer verhaftet wurden und sind jetzt in alle Winde zerstreut bei Bekannten und Familie in der Stadt untergekommen. Manche verliessen die Kirche barfuss und im Nachthemd.
Als die Polizei die Verhaftungen abgeschlossen hatte, liessen sie eine hell erleuchtete und unabschlossene Kirche hinter sich, so dass praktisch jede/r hätte reinkommen können und das gesamte Kircheninventar, wie auch die personlichen Sachen, wie Computer und andere Wertsachen der IrakerInnen, hätte mitnehmen können.
Ich ging gegen 5 Uhr morgens hinüber, um die Kirche abzusc½hliessen- es sah dort ziemlich wild aus. Es war anscheinend mit Stühlen geworfen worden und auch der Altar sah recht mitgenommen aus. Gerade als ich das letzte Licht löschen wollte, sahen wir einen Arm, der sich aus einen Haufen Stühle in der Ecke streckte. Und wir waren entsetzt, als wie eine der sehr alten irakischen Frauen sitzend hinter dem Stuhlberg fanden. Sie war im heftigen Schockzustand und konnte nichts sagen. Sie ist zuckerkrank und war total dehydriert.
Wir brachten ihr etwas Wasser und eine der freiwilligen Helfer/innen nahm sich ihrer an. Aber wir waren froh, dass wir sie fanden- ansonsten hätte sie die ganze Nacht hinter den Stühlen gesessen.
Ich muss gestehen, dass ich immer noch sprachlos bin und mir keine Worte bekannt sind, die beschreiben könnten, was ich heute nacht erlebt habe.
Ich bin überzeugt davon, das die Polizei wollte dass ich mich fern halte; denn nun bin ich der einzige, der gesehen hat was sich dort zugetragen hat.
Ich muss zugeben, ich war auch völlig ausser mir über dieses Erlebnis, denn es war wirklich schlimm mit ansehen zu müssen, wie die Menschen die, die letzten 3 Monate unsere Freunde geworden sind, behandelt wurden.
Da ist Mahmood 65 Jahre, mit dem ich viele philosophische und religiöse Gespräche über Islam und Christentum hatte.
Shalaw, 23 Jahre, der mir seine ganze Geschichte erzählt hat, wie seine ganze Familie ermordet worden ist.
Salar,verheiratet und Vater von Bishan,14 Jahre und dem kleinen Baby Niros ,16 Monate alt.
Ja, und viele, viele andere.
Für uns in der Kirche sind sie nicht nur AsylbewerberInnen oder Nummern in einer Karthotek, sondern sie sind Menschen (…) wie wir und welche verdienen als solche respektiert und behandelt zu werden. Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass sie einfach so aus einer Kirche gezerrt werden würden und in ein gewöhnliches Gefängnis gesperrt, mit Aussicht auf Abschiebung zurück in ein chaotisches und vom Krieg zerstörtes Irak, von dem sie geflüchtet sind. Was ist das für eine Art Menschen zu behandeln (…)
Heute haben wir einen Teil unserer Identität, einen unserer Werte als Kirche verloren, nämlich den, ein heiliger Ort des Friedens zu sein, wo Menschen Zuflucht suchen können, wenn das Leben unerträglich zu leben wird.
In allen anderen Ländern wird die Kirche als Raum für Asyl respektiert und die gesetzliche Obrigkeit würde sich nicht träumen lassen dort einzudringen, doch diese ungeschriebene Regel und uralte Traditionen gelten anscheinend nicht in diesem Land.
Dieses Land, was ich ansonsten immer als ein offenes und tolerantes Land gesehen habe, welches sich für Freiheit, Mitmenschlichkeit und Menschenrechte einsetzt.
Diese Werte sind heute nacht gewaltig erschüttert worden und ich persönlich finde es schwer darüber hinweg zu kommen.
Der 13. August ist ein schrecklicher Tag - ein trauriger Tag, doch ich fordere euch alle auf zusammen zu halten und einander zu helfen.Wir dürfen nicht aufgeben hoch erhobenen Kopfes weiter für Frieden, Gerechtigkeit und Liebe in dieser Welt zu kämpfen. (…)
Die 18 in Abschiebehaft genommenen Iraker gingen nach ihrer Inhaftierung in einen Hungerstreik.
Als Legitimierung der Abschiebung wird ein Rückführungsabkommen aufgeführt, dass zwischen Dänemark und dem Irak abgeschlossen worden sein soll. Der irakische Premierminister Nuri al-Maliki bestreitet allerdings ein Zustandekommen eines Rückführungsabkommens.
Nachtrag, November 2009
Am 2. September wurden in einer Nacht und Nebel Aktion 22 Iraker aus der dänischen Abschiebehaft heraus in den Irak abgeschoben.
Laut Tageszeitung vom 3. September 2009 wurden fünf von ihnen direkt bei ihrer Ankunft am Flughafen in Bagdad verhaftet, die anderen versuchten nach Informationen von “Kirkeasyl” (die mit ihnen telefonisch Kontakt hatten) in den Nordirak zu gelangen um dort ein Untertauchen zu versuchen.
Es gab erneut mehrere Demonstrationen gegen die Abschiebung sowie Repression gegen die MenschenrechtsaktivistInnen. So wurden 54 Insassen eines Busses von “Kirkeasyl”, der zum Flughafen wollte um gegen die Abschiebungen zu protestieren komplett verhaftet und in eine siebenstündige Vorbeugehaft genommen.
Die Anwälte der Asylsuchenden waren nicht von der Abschiebung unterrichtet worden
Hunderte alarmierter DemonstrantInnen warteten am Flugplatz Roskilde bei Kopenhagen vergeblich, da die Abschiebung vom 170 Kilometer entfernt liegenden Flughafen Odense aus erfolgte.
In Dänemark befürwortet dennoch eine knappe Mehrheit das polizeiliche Vorgehen der Kirchenräumung und somit die Linie der rechtskonservativen Partei „Venstre”.
Weitere Informationen siehe unter:
http://www.taz.de/1/politik/europa/artikel/1/strafanzeigen-und-hungerstreik/
http://www.taz.de/1/politik/europa/artikel/1/nach-kirchenasyl-folgt-kalte-abschiebung/
http://www.taz.de/1/politik/europa/artikel/1/abgeschobene-iraker-verhaftet/
http://de.indymedia.org/2009/08/258146.shtml
http://www.kirchenasyl.de/1_start/Kasten%20Aktuelles/Kommentar-Bruch%20des%20Kirchenasyls%20in%20Kopenhagen.pdf
Permakultur-Kurs
Vom 28. März bis zum 5. April 2009 findet in Portugal am Land ein Permakultur-Kurs statt.
Der 72-stündige Intensivkurs wird von Lesley Martin gehalten, die Teilnahme kostet 150Eur.
Weitere Informationen zu Ort, Inhalt des Kurses, Anmeldung etc. sind auf der Seite Mount of Oaks zu finden.
Unterstützung Besetztes Haus “Topf&Söhne” in Erfurt
Das Speak-Netzwerk unterzeichnet den Offenen Brief an die Stadt Erfurt für den Erhalt des besetzten Hauses in Erfurt:
Die BesetzerInnen haben eine hierarchiearme Struktur, die Menschen fördert und gerade denen, die von der Gesellschaft ausgeschlossen oder diskriminiert werden, Anteilnahme an gesellschaftlichem und kulturellem Leben ermöglicht.
Das Haus bietet Menschen Rückzugsort und „Freiraum“ indem es versucht, das kapitalistische Verwertungssystem auszuhebeln oder indem es bewusst Menschen ausschließt, die sich offen zu Nazigedankengut bekennen. Weiterführend sprechen sie sich gegen Homophobie, Sexismus, Antisemitismus und Antiziganismus aus.
Die Personen des besetzten Hauses in Erfurt kümmern sich unter anderem auch um die Aufarbeitung des Geschichtsortes “Topf & Söhne”, auf dessen Gelände Vernichtungsöfen und Zubehörteile für Gaskammern für Konzentrationslager entwickelt und gebaut wurden.
Dieses soziokulturelle Wohnzentrum übernimmt noch viele weitere einzigartige Arbeit und muß erhalten bleiben. Wir wollen, dass das besetzte Haus weiterhin so bestehen bleibt, wie es ist. Deshalb unterzeichnen wir den offenen Brief an die Stadt Erfurt.
http://www.soli.arranca.de – der Offene Brief an die Stadt Erfurt mit den Unterstützer_Innen
http://www.topf.squat.net – die Homepage des besetzten Hauses in Erfurt mit aktuellen Informationen
http://www.wirbleibenalle.blogsport.de – Die Kampagne „Wir bleiben alle!“ die sich für das besetzte Haus in Erfurt und weitergehende Thematiken in Erfurt einsetzt.

Fairliebt in Stuttgart
| Vergangenen Sonntag veranstalteten die Jesusfreaks Stuttgart einen Tag zum Thema fairer Handel, soziale Verantwortung und Globalisierung. In einer Mini-Messe wurde eine Mischung aus Informationen zum Thema, leckrem Essen, einem Globalisierungsrollenspiel und eine Reihe von fairgehandelten Produkten angeboten. Wir, zwei SPEAK’ler konnten am Nachmittag den Vortrag “Utopie und Realität der Globalisierung” vor versammeltem Auditorium halten. An dieser Stelle nochmals Danke für die Einladung und für den Tag an die netten Gastgeber! J.Rauhut&H.Lenk |
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